3. Jugend


Geboren wurde ich am 9.1.1942 in Bonn. Ich hatte zwei ältere Brüder und zwei noch ältere Halbschwestern, die aus der ersten Ehe meines Vaters stammten. 1944 zogen wir nach Augsburg, nachdem wir vorher noch bei unserer Großmutter in Landsberg an der Warthe waren. Dabei wäre ich auf der Flucht beinah verschütt gegangen.

In Augsburg erlebten wir das Ende des Krieges und die Nachkriegszeit mit den üblichen Begleiterscheinungen. Unmittelbar nach dem Krieg wurde mein Vater zum Stadtrechtsrat gewählt, sodass es uns noch relativ gut ging, wobei wir allerdings mindestens so sehr unter der allgemeinen schrecklichen Lebensmittelknappheit  zu leiden hatten wie unter dem Geiz unseres Vaters. Geiz war für ihn natürlich kein Geiz, sondern das von seinem Vater übernommene hehre Ideal der Sparsamkeit. Mein Vater war ein richtiger Patriarch alter Schule – gegenüber seinem Vater musste er sich allerdings schon wesentlich verbessert haben. Im Grunde war er noch ein Monarchist. Schließlich war Kaiser Wilhelm sein erster Dienstherr. (Er war 53 Jahre älter als ich.) Wenn ich morgens als Kind in sein Bett krabbelte, wurde er nicht müde, mir von den guten alten Zeiten zu erzählen, von den großen Paraden mit den Husaren und Ulanen und Dragonern und Kürassieren und ihren prächtigen Uniformen, wobei er nicht vergaß, immer wieder die Verdienste des großen Otto von Bismarck besonders herauszustreichen. Auf diese Weise wusste ich mehr über die gute alte Zeit als über die Welt da draußen vor der Tür. Ach ja, unsere Wohnungstür: Ich weiß nicht wie viele Schlösser und Riegel und Ketten da dran waren. Unsere Wohnung war die reinste Festung. Und Besuch – also so etwas war ein Jahrhundertereignis. Eigentlich sollte niemand wissen, was bei uns so abging. Dabei ging eigentlich gar nichts ab außer dem strengen Regiment unseres Vaters.

Meine Eltern müssen vor dem Krieg wohl beide ziemlich wohlhabend gewesen sein. Krieg und Inflation sorgten dafür, dass sie fast alles verloren haben. Besonders meine Mutter hatte große Mühe, sich mit dieser Tatsache abzufinden. Ganz besonders trauerte sie ihrem sog. Warthe-Schloss in Landsberg an der Warthe hinterher. Für mich bedeutete das, schon sehr früh begreifen zu können, was es für Folgen hat, wenn man etwas nicht loslassen kann.

Meine Schulzeit begann in einer Klasse mit ca. 60 Jungs. Zwei junge Lehrer warfen bereits im 1. Halbjahr das Handtuch. Dann bekamen wir einen alten Haudegen, der sich die nächsten Jahre im wahrsten Sinne des Wortes mit seinem Rohrstock gut bei uns durchschlug. Der Wechsel ans Gymnasium war trotzdem keine wirkliche Erleichterung. Die Unterdrückungsmechanismen waren zwar etwas subtiler, nichtsdesto weniger antwortete ich darauf  all die Jahre mit innerer Emigration und Widerstand.

Als mein nächstälterer Bruder in ein Internat in Windsbach kam, folgte ich ihm wenig später nach. Natürlich war es da in keiner Weise anders und so sehnte ich mich während der Schulzeit nach Hause und in den Ferien nach dem Internat. Es war überall gleich schrecklich. Der einzige Lichtblick im Internat war der Windsbacher Knabenchor und eine von einem Oberprimaner geleitete freiwillige Bibelgruppe, in der wir uns über von uns ausgewählte Bibeltexte die Köpfe heiß diskutierten. Da hatte ich das erste Mal in meinem Leben so etwas wie eine Heimat gefunden. (Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen: Es ging mir dabei weniger um die Bibel oder überhaupt um Religion, damit wurden wir in diesem sog. Pfarrwaisenhaus ohnehin genug gequält. Nein, es war einfach der offene Austausch und die Freiheit der Rede in dieser Gesprächsgruppe, die mich angezogen haben.)

Und so gründete ich später in Augsburg ein sog. De Molay-Kapitel, eine Freimaurer-Jugendorganisation, das sich in den Räumen der örtlichen Freimaurerloge treffen durfte. Hier hatten wir einen Freiraum gefunden, in dem wir uns ohne jede Bevormundung offen über alles, was uns am Herzen lag, austauschen konnten. Später dann setzte ich diese Gesprächstradition fort bei einem Psychologen, der von den Mieteinnahmen seines ererbten Hauses lebte und mit einer kleinen Gruppe von Leuten seit Kriegsende einen Gesprächskreis leitete. Dort las er einmal in der Woche Texte vor allem aus dem Dunstkreis der Frankfurter Schule mit ihrer Dialektik der Aufklärung, über die wir uns anschließend ausgiebig austauschten. Für mich waren das Orte, in denen ich etwas erfahren konnte, was mir innerhalb der Schule nie begegnet war: Freiheit des Geistes und ein Hinterfragen aller Systeme und Strukturen.

Ich hatte wie mein Vater keine Lust auf ein sog. Brotstudium. Anders als er folgte ich jedoch meiner Neigung und besuchte eine Klasse für angewandte Malerei, was ich nie bereute, weil ich dort auf einen Kunstdozenten traf, der mich mit seiner liebevollen Art für eine ganz neue Welt öffnen konnte, für die Welt des Zen. Ich las damals Meister Eckhart, Lao Tse und die wenigen Zen-Bücher, die damals zu haben waren, und ich wusste, dass mich das nie wieder loslassen würde. Um dem Wehrdienst zu entgehen, ging ich erst einmal nach Westberlin. Ich hatte vor, dort mit meiner Freundin, die später nachkommen wollte, zu leben, zu arbeiten und zu malen. Aber meine Freundin bekam es mit der Angst. Sie wollte sich dann doch nicht auf diese Unsicherheit einlassen und deutete mir zart an, ich solle doch wieder zurückkommen und Kunsterzieher werden. Anderenfalls würde das wohl das Ende unserer Beziehung bedeuten.

Da stand ich nun am Scheideweg:  Bohèmien? Bourgeois? Sind ja nur  dumme Schlagworte, aber sie drücken vielleicht ein wenig den inneren Konflikt aus, in dem ich damals stand: Einerseits antiautoritär, pazifistisch, anarchistisch, links und andererseits ein verängstigtes Bürgersöhnchen, das Angst vor dem Leben hatte und sich wenigstens an irgendeinem Rockzipfel festhalten wollte. Schwere Entscheidung.

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