5. Bürger


Und damit ist klar, wie meine Entscheidung ausgefallen ist. Ich tat, was ich angeblich nie tun wollte. Ich heiratete, heiratete sogar zweimal, und wurde ein braver Beamter. Ich musste wohl wirklich noch einmal alle alten Programme durchlaufen.

Die Schule war für mich der reinste Albtraum. Mit meiner Bibel „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ von Alexander S. Neill unterm Arm konnte ich in einer staatlichen Schule auch nur auf die Nase fallen. Ich hatte bärenmäßige Disziplinschwierigkeiten, schaffte es aber oh Wunder dennoch zu einem so guten 2. Examen, dass ich unmittelbar danach Studenten bei mir sitzen hatte, die bei mir lernen sollten, wie man unterrichtet (ausgerechnet bei mir!). Und nun wurde ich mit der Kehrseite der Medaille konfroniert. Jetzt bekam ich es mit den 68ern zu tun. Jetzt begegneten mir meine alten Ideale „antiautoritär, pazifistisch, anarchistisch, links“ – und ich stand auf der anderen Seite. Da war z.B. ein Student, der seinen Wohnwagen im Schulhof geparkt hatte und die neugierig herbeigeeilten Schüler mal an seinem Joint schnuppern oder auch mal ziehen ließ. Anschließend forderte er sie auf, wirklich Kunst zu machen und alle Begrenzungen zu sprengen. Wozu sind die Wände da? Um sich darauf künstlerisch zu ergießen, wozu denn sonst?! Also so etwas in der Art kam da plötzlich auf mich zu und das war noch ein ziemlich harmloses Beispiel. Und ich musste mir ansehen, wie ich in kürzester Zeit zu einem autoritären Staatsbüttel mutierte, der diesen jungen Wilden in ihrem Schaffensrausch Fesseln anlegte! Adieu ihr schönen Ideale!

Gott sei Dank bekam ich wenig später von der Regierung das Angebot als Fortbildungsleiter zu arbeiten. Nun hatte ich es nicht mehr mit irgendwelchen ausgetickten Studenten zu tun, sondern mit strebsamen Lehramtsanwärtern. Man war gewissermaßen wieder unter sich, alles lief wieder in ruhig geordneten Bahnen. Das ängstliche Bürgersöhnchen in mir konnte wieder aufatmen.

Der neue Job war verbunden mit einem Umzug und ich suchte mir diesmal ein Dorf im Voralpenland zum Wohnen aus. Ich war inzwischen geschieden, hatte wieder geheiratet und wurde diesmal mit drei Kindern beschenkt. Nun schien das bürgerliche Glück perfekt zu sein. Was kann man denn noch mehr wollen?

Aber die Zeitbombe tickte schon die ganze Zeit, wie das halt so ist, wenn man in der Dualität von einer Seite in die andere kippt. „Ich bin derselbe noch …“ fängt ein Gedicht von Rilke an – und ich war immer noch derselbe. Ein unruhiger Geist. „Dich muss man erst an die Wand klatschen, bevor du mal Ruhe geben kannst!“, sagte mal ein Freund von mir. Ich engagierte mich im Berufsverband, in der Gewerkschaft, in der SPD, gründete Psycho-Selbsthilfegruppen – und fing immer mehr zu trinken an. Letzteres fiel mir gar nicht sonderlich auf, weil eigentlich alle um mich herum auch tranken. Es gärte in mir, es kriselte, ich wurde immer unzufriedener, es kriselte in meiner Ehe, ziemlich heftig sogar und eigentlich von Anfang an, … alles, was wir da sorgfältig aufgebaut hatten, entpuppte sich zunehmend als Kartenhaus, das jederzeit einstürzen konnte, was es dann ja schließlich auch tat.

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