6. Rückkehr


„Oh du lieber Augustin“ – das bezieht sich auf die Zeit um das Jahr 1980 herum. Die Familie brach auseinander und ich ging dabei fast vor die Hunde. Wenn schon, denn schon, also trennte ich mich bei dieser Gelegenheit auch noch von meinem sicheren Beamtenjob – was nur eine große Befreiung war. Ich trennte mich von allem, was mein bisheriges Leben ausgemacht hatte. Ich war Ende 30 und dachte, dass ich immer noch nicht mein (?) Leben gelebt hatte. Das konnte ja nur schief gehen. Nicht, dass ich nicht erfolgreich gewesen wäre, aber es passte einfach alles nicht zu mir. Ursprünglich wollte ich eigentlich nur meine Bilder malen – und nun war ich ein Sesselfurzer, ein Staatsbüttel geworden – genau das, was ich ganz bestimmt nie werden wollte. Eigentlich wollte ich – aber das wusste ich ja gar nicht so genau. Ich hatte Meister Eckhart gelesen, Bücher über Tao und Zen, … aber was sollte ich damit machen? In ein Kloster gehen? Vielleicht in Japan einen Zen-Meister finden? Aber dann kam alles ja ganz anders. Meine erste Frau wollte Sicherheit und ich war noch so orientierungslos, dass ich mich einfach darauf einließ. Das war dann auch bei meiner zweiten Frau nicht anders. Und dann waren die Kinder da. Irgendwie kam ich aus der Mühle nicht mehr heraus. Erst der Zusammenbruch auch meiner zweiten Ehe schaffte, was ich selbst bis dahin nicht geschafft hatte.

Ich las damals die Bücher von Max Stirner, John Henry Mackay, Kurt H. Zube und anderen Anarchisten. Ich stieg aus. Ich stieg aus und fing wieder mit dem an, was mich schon in jungen Jahren am allermeisten angezogen hatte: Tao, Zen, Advaita, Mystik, Sufismus, … oder die Frage: Wer bin ich eigentlich wirklich? 1980, das war die Zeit, in der Osho bzw. Bhagwan, wie er damals genannt wurde, Hochkonjunktur hatte. Ich holte mir Bücher von ihm und las und las und konnte gar nicht mehr damit aufhören und ich kam dabei aus dem Lachen gar nicht mehr heraus. Ich war reif zum Aufplatzen. Alle alten Vorstellungen brachen ziemlich schlagartig zusammen und machten Platz für eine bislang völlig ungekannte Freiheit. Ich machte damals Primärtherapie und die Therapeutenausbildung und wollte auch genau weiterhin in diesem Umfeld bleiben. Das war der Ort, wo sich seinerzeit Menschen auf dem Weg zu sich selbst trafen. Klöster und dergleichen wären eh nichts für mich gewesen. Dafür steckte mir noch viel zu sehr meine Schul- und Internatszeit in den Knochen. Und ich brauchte auch wirklich niemanden mehr, der mir sagte, wo’s lang gehen soll. Ich hatte auch nicht die geringste Lust, anderen zu sagen, wo es lang geht. Woher sollte ich denn das wissen?

Und so wurde ich also Therapeut. Nach meiner Ausbildung in Süddeutschland zog es mich nach Hamburg, wo ich mit einer Freundin die Primal-Praxis eröffnete. Therapeut heißt ja wörtlich übersetzt nichts anderes als „Begleiter“: Ich wurde also Begleiter und betreibe so eine Art Escort-Service für die Abgründe der Psyche und dem Niemandsland reinen Seins. Leute kommen zu mir und wir gucken uns an, was ist, und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein. Komischerweise scheint das hilfreicher zu sein als all der ganze Methodenkram, auf den ich mich am Anfang „als guter Therapeut“ gestürzt hatte.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s