7. wie die Kinder

Alles begann wohl mit diesem Staunen: Wo bin ich hier eigentlich? Nichts, was ich wahrnehme, scheint zu stimmen. Ich verstehe diese Welt nicht. Bin ich verkehrt oder ist es die Welt? Lange dachte ich, dass wohl irgendetwas mit mir nicht in Ordnung sein könne. Dann irgendwann war es so offensichtlich, dass bei den anderen etwas nicht stimmte, dass sie gedankenlos waren, gemein und selbstsüchtig. Ich erinnere mich noch, wie ich den einsamen Entschluss fasste, ein Oberschwein sein zu wollen, wenn schon alle um mich herum die reinsten Schweine sind. Gott sei Dank begegnete ich damals gerade im richtigen Moment „meinem Meister“ Heinz Butz (nie im Leben hätte er sich so genannt!). Er konnte mir zeigen, dass es noch eine ganz andere Sicht der Dinge gibt – und genau deshalb nenne ich ihn hier „meinen Meister“. Aber bis es so weit war, dauerte es noch eine ganze Weile. Erst arbeitete ich mich noch eine Weile an der Außenwelt ab: Politik – Psychologie – Spiritualität. Auf allen Ebenen versuchte ich, diese Welt (in meinem Sinn) ein klein wenig besser zu machen. Irgendwann musste ich wohl oder übel mein Scheitern eingestehen. Und wieder war genau im richtigen Moment ein Meister da, der mir zeigen konnte, wo ich Tomaten auf den Augen hatte. Ich hatte so viele Meister in meinem Leben und ich bin sehr, sehr dankbar für das, was sie mir zeigen konnten.

Irgendwann verstand sogar ich, was mit diesem Splitter im Auge meines Bruders gemeint war, und sogar, dass ich kein bisschen besser war „als mein Bruder“: Gedankenlos, gemein und selbstsüchtig wie er. Selbst-süchtig, das war der Schlüssel zu allem Weiteren. Süchtig, ein Selbst zu sein. Oder um ein anderes Wort zu benützen: Ich war derselbe Egomane wie meine Mitmenschen.

Homo homini lupus – ja, solange er glaubt, dass er mehr ist als eine geträumte Figur in seinem Lebensroman, solange er glaubt, die Kontrolle über sein Leben zu haben, solange er glaubt, ein Selbst zu sein.

Selbstlosigkeit bedeutet, dass wir ohne Selbst sind, dass wir ein Nicht-Selbst (anatta) sind, wie Siddhartha Gautama es genannt haben soll.

Selbstlosigkeit hat nichts mit Moral zu tun und nichts damit, soziale Wohltaten zu verrichten. Dieses Missverständnis hat nur zu dieser unglückseligen religiösen Heuchelei geführt, die in allen Religionen zu beobachten ist.

Selbstlosigkeit ist der Schlüssel für alle „Probleme“ der Welt: Es gibt kein Ich. „Ich“ ist nur ein Gedanke, eine Vorstellung, an die zutiefst geglaubt wird. Das ist das Ergebnis nüchterner Selbsterforschung und wird hoffentlich nicht zu einem neuen Glaubenssystem. Mit Letzterem wäre gar nichts gewonnen.

Die alles entscheidende Frage ist: Wer bin ich ohne die Vorstellung ein Ich zu sein, wer bin ich ohne dieses Glaubenssystem? – Das war es wohl, was Jesus, so es ihn denn je gegeben haben sollte, mit dem Satz meinte: „Es sei denn, dass ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ Vermutlich meinte er damit Kinder, bevor (!) sie lernten, „ich“ zu sagen, „ich“ zu denken, „ich“ zu fühlen.

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