8. Gegenwärtigkeit

Das ist das zehnte Bild aus dem Zyklus „die zehn Stiere des Zen“. Es zeigt einen ziemlich vergnügten Wandersmann, der sich auf dem Marktplatz umsieht. Der dazugehörige Vers beginnt mit den Worten: „Barfuß und mit bloßer Brust mische ich mich unter die Menschen der Welt.“ Nichts Besonderes also. Das könnte jedermann sein. Dann aber kommt die nächste Zeile: „Meine Kleider sind zerlumpt und staubig, und ich bin immerzu selig.“ Jetzt klingt das gar nicht mehr so alltäglich. Wer könnte schon von sich sagen, dass er immerzu selig ist? Was ist also an diesem Mann nun doch so besonders, dass er immer in diesem seligen Zustand ist?
Die Antwort kann Bild 8 geben, das gewissermaßen die Voraussetzung für diesen Bewusstseinszustand ist. Im dazugehörigen Vers heißt es: „Dieser Himmel ist so grenzenlos – keine Botschaft kann ihn beflecken.“ Ich ersetze mal das Wort Botschaft durch das Wort Wolke: Keine Wolke kann den Himmel beflecken. Der Himmel bleibt immer derselbe, ganz gleich wie viele Wolken auftauchen. Und das gilt auch, wenn der Himmel vor lauter Wolken von der Erde aus gar nicht mehr zu sehen ist.

Der Himmel, das ist reines Gewahrsein. Und die Wolken sind das, was im Gewahrsein erscheint: Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen, die neue Delle am Auto, das Dekolleté der Nachbarin, der Piepmatz, der gerade sein Liedlein singt, der Glaube, Wilhelm Klingholz zu sein oder wer auch immer, … alles halt, was gerade erscheint. „Dieser Himmel ist so grenzenlos – keine Botschaft kann ihn beflecken.“ Was ist das, wenn der vergnügte Wandersmann die frohe Botschaft hören würde, dass er ein alter Narr sei? – Eine Wolke am Himmel, von der dieser nicht befleckt werden kann. Dies wissend ist der Wanderer auf dem Bild immerzu selig.

Das ist, was bleibt: Reine Gegenwärtigkeit.

Herkunft, Werdegang, Gegenwart, Zukunft, … alles nur Wolken am Himmel, die für einen Moment auftauchen mögen und im nächsten Moment schon wieder verschwunden sind.

Der Himmel ist immer da – auch wenn er von Wolken verdeckt und nicht zu sehen ist.

Üblicherweise wird der Zyklus verstanden als die Beschreibung eines Bewusstseinsprozesses, der den Weg vom Suchen des Gesuchten hin zur Erkenntnis, dass der Sucher das Gesuchte ist, beschreibt.

Ich könnte jedoch auch die einzelnen Stationen als die Beschreibung von Bewusstseinszuständen betrachten, die jederzeit und immer wieder auftauchen und wieder verschwinden können. Dann wäre der Wandersmann auf Bild 10 nicht immerzu selig, sondern selig in diesem Moment. Und im nächsten Moment würde er sich vielleicht schon wieder in den Wolken verlieren und erneut auf der Suche sein. Wer weiß schon, wie sich Lila, das große kosmische Spiel, entfalten will?


Wilhelm Klingholz?
nur eine Wolke?

Und der Himmel?
ICH?

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