9. Leben=Tod


rechtshirniges Hämatom

Am 6. November 2006 hatte ich Besuch von meinem Jüngsten. Während wir gemütlich Kaffee tranken und plauderten, passierte etwas sehr Eigenartiges. Als ich mit meiner linken Hand nach meiner Kaffeetasse greifen wollte griff ich daneben. Auch ein zweiter Versuch misslang. Ein wenig irritiert eroberte ich mir meinen nächsten Schluck Kaffee und diesmal ohne jedes Missgeschick mit der rechten Hand. In den nächsten Minuten wiederholte sich das, was ich eben noch Missgeschick nannte. Ich dachte, dass da vielleicht was mit der Durchblutung nicht stimmen würde und stand auf, um meine Arme auszuschütteln. Beinahe wäre ich hingefallen – nun spielte auch mein linkes Bein verrückt. Ich spürte es irgendwie nicht mehr richtig. Plötzlich war die Idee in meinem Kopf: Das wird doch kein Schlaganfall sein?! Der Vater meines Vaters hat auf diese Weise ein schnelles Ende gefunden. Ich sagte meinem Sohn, der gerade gehen wollte, nichts von diesem Gedanken. Als er fort war, wollte ich mich erst einmal im Internet über die Symptome schlau machen und humpelte also zum PC im Büro. Mit der rechten Hand traf ich ja immerhin die Tasten. Nun ja, es war, wie ich befürchtet hatte: Ich konnte fast alle Symptome eines Schlaganfalls bei mir wiederfinden.

Das musste ich jetzt erst einmal verdauen. Der Gedanke, den Notarzt zu holen, erfüllte mich eher mit Schrecken. Keine ruhige Minute mehr, alle machen an einem rum, schieben einen hierhin und dorthin, stochern vielleicht in meinem Kopf herum, … das alles gefiel mir überhaupt nicht. Schließlich hat man nicht jeden Tag einen Schlaganfall, also wollte ich auch eine Sonderbehandlung und die konnte nur ich mir selbst zuteil werden lassen. Ich hatte das dringende Bedürfnis, mich wie ein Tier ins Dickicht zu verkriechen, aber natürlich bevorzugte ich Weichei dafür mein gemütliches Bett.

Da lag ich also nun und stellte mir vor, wie da oben im meinem Dachstübchen das Blut aus einer Ader tröpfelte oder strömte – woher sollte ich das auch wissen. Ich wusste gar nichts. Also wartete ich und rechnete mit dem – Schlimmsten? Nein, das war es ja – da war nicht die geringste Angst. Eher so etwas wie Neugier. Vielleicht sterbe ich ja gleich. Dann wollte ich das wenn möglich in völliger Klarheit erleben. Es wurde eine wundervolle Meditation. Tiefer Friede und eine große Freude breiteten sich immer mehr aus. Alle Gedanken verschwanden nach und nach und dann war nur noch Stille da, so tief, so kraftvoll, so lebendig, dass da nur noch völlige Glückseligkeit war. Alles andere war zurückgetreten. Irgendwann merkte ich noch, dass es dunkel wurde und dass ein sanftes Hinübergleiten in den Schlaf begann. Auch da gab es keinen Widerstand – wohl wissend, dass es aus diesem Schlaf vielleicht nie wieder ein Erwachen geben würde. Was auch immer geschehen würde, alles war vollkommen, alles willkommen.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ich fast ein wenig erstaunt. Ich testete Arm und Bein und stellte fest, dass sich die Funktionsfähigkeit gegenüber dem Vortag nur unwesentlich verschlechtert hatte. Am Nachmittag entschloss ich mich dann, mich auf den Weg zu meinem Internisten zu machen und, wenig später, ein MRT anfertigen zu lassen. Ich wurde ausgeschimpft wegen meines Leichtsinns, aber ich wusste, dass ich es nicht besser hätte machen können. Nun ja, ich hatte mehr Glück als Verstand, das gebe ich ja gerne zu. Ansonsten war nach ein paar Wochen alles wieder im grünen Bereich.

Angst vor der völligen Auflösung, vor dem Verlöschen, Angst vor dem Tod? Es ist so eine Seligkeit – wie verrückt ist jede Angst davor. „Stirb, bevor du stirbst!“, sagen die Sufis und ich kann ihnen nur aus ganzem Herzen zustimmen. (Das ist übrigens auch ohne Schlaganfall möglich.)

Inshallah
so Gott will

*)

Der Verstand ist unfähig zum Ausdruck der Liebe.
Die Liebe allein ist imstande,
die Wahrheit der Liebe zu offenbaren
und was es ist, ein Liebender zu sein.
Wenn du leben willst, so stirb in Liebe!

(Dschalal ad-Din Muhammad Rumi)

*)
Damit ist, soweit es mich betrifft, ganz sicher kein persönlicher Gott gemeint.
Jedes andere Wort wäre allerdings ebenso daneben.
Vielleicht sollte man sich einfach mit dem dem Begriff „das Namenlose“ begnügen,
wie ihn Lao Tse verwendet hat.

Ich dachte, es wäre alles zum Thema gesagt, aber nein, da kam noch eine Zulage: Donnerstag, 06.01.11 erster Herzinfarkt, Donnerstag, 13.01.11 zweiter Herzinfarkt, Donnerstag, 20.01.11 vermutlich ein dritter Herzinfarkt, Klinik, Bypass-Notfall-OP. 27.01.11 vorzeitiger Abbruch des Klinikaufenthaltes. Reha-Verweigerung. Und immer wieder das Thema Tod. Zunächst hätte ich beinahe mein eigenes Ableben verpasst; ich habe schlichtweg meine Infarkte falsch interpretiert; dann wurde ich aber doch hellhörig und fuhr zu meinem Internisten, der sofort den Notarzt mobilisierte.

Kreissäge, Herz-Lungen-Maschine und ich weiß nicht was, das ist alles Theorie. Nichts davon habe ich bewusst mitbekommen. Dafür aber das Danach und das nicht zu knapp. In meinem letzten Beitrag schrieb ich noch: „Angst vor der völligen Auflösung, vor dem Verlöschen, Angst vor dem Tod? Es ist so eine Seligkeit – wie verrückt ist jede Angst davor.“ Und nun lernte ich die Angst wieder kennen. Todesangst. Das war richtig spannend. Nein, da war immer noch keine Angst vorm Verlöschen, aber da war eine ganz kreatürliche Todesangst. Es gab Zeiten, da wusste ich nicht mehr, ob ich noch den nächsten Atemzug schaffen werde. Zwischen Hustenanfällen und nach Luft Ringen einfach Angst – kommt er noch der Atem, noch dieses eine Mal? Keine Angst und doch Angst, nicht von der Welt und doch ganz Welt und kein bisschen besser, das war wirklich eine eindrucksvolle Lektion. Was für ein wundervolles Wunder!

(Nachtrag am 31.01.11)

Ein halbes Jahr später. Nachdem ich immer wieder einmal besorgte Nachfragen nach meinem Gesundheitszustand erhalte: Es geht mir ausgezeichnet. Ich schlucke jetzt zwar brav eine Menge Pillen, um den Bluthochdruck gewaltsam herunterzudrücken, und weiß natürlich, dass auch das kaum irgendeine Garantie für ein langes Leben bedeutet, aber … wer will schon lange leben! Ich bin im Januar mit noch aus der Brust baumelnden Elektroden vorzeitig aus der Klinik getürmt, habe auch jede Reha verweigert – es sieht also nicht unbedingt so aus, als sei ich besonders „vernünftig“.  Vielleicht wäre ja ein bisschen Angst vor dem Tod doch vernünftiger, aber ohne macht das Leben auf jeden Fall unendlich viel mehr Spaß.

(Nachtrag am 30.06.11)

Weihnachten 2011 habe ich begonnen, Strophanthin  zu nehmen, auf das ich kurz zuvor im Internet aufmerksam geworden bin. Strophanthin ist ein altbewährtes Herzglykosid, das aus mir unerklärlichen Gründen von den meisten heutigen Ärzten abgelehnt und nicht mehr verschrieben wird. Ich hatte Glück mit meinem Internisten; er war so aufgeschlossen und hat es mir verschrieben, und ich konnte bereits die meisten anderen Blutdrucksenker absetzen. Dabei geht es mir insgesamt nun wirklich sehr viel besser.

(Nachtrag am 31.01.12)

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