2. Eltern


Mein Vater war 19 Jahre älter als meine Mutter; er hat Jura studiert, während meine Mutter soviel ich weiß „nur“ die Volksschule besucht hat. Mein Vater war nacheinander Rittmeister, Polizeipräsident, Werksyndikus bei Messerschmitt, Stadtrechtsrat. Ursprünglich wollte er eigentlich Geiger werden, doch sein Vater wollte ihm nur ein Brotstudium bezahlen. Und so kam es, dass er sich erst nach seiner Pensionierung wieder eine Geige kaufte und ein wenig darauf spielte. Mein Vater las vorzugsweise Goethe, Schiller, Lessing, … schrieb selbst Dramen und fühlte sich überhaupt dem seit Generationen gepflegten Bildungsbürgertum verpflichtet.

Meine Mutter stand dagegen eher für das Handfeste und Herzhafte. In Ermanglung einer Waschmaschine musste sie die Wäsche noch selber waschen, sie bestrickte die ganze Familie und schneiderte sich all ihre Kleider selbst. Sie buk und kochte gerne, aß gerne Butterbrot mit Speck und machte Klöße, von denen ich heute noch schwärmen könnte. Riesige Dinger aus gekochten Kartoffeln, die so locker waren, dass sie einem wirklich auf der Zunge zergingen. Gegessen haben wir sie mit zerlassener Butter. Also ich suche heute noch jemanden, der solche Klöße hinbekommt. (Ich selbst hab es leider auch noch nicht geschafft.) Wenn meine Mutter lachte, wackelte ihr ganzer Bauch dabei, was ich als Kind immer ganz fasziniert beobachtete. Bei meinem Vater wackelte gar nichts, dafür war er viel zu distinguiert.

Da gab es einfach nicht nur einen ziemlichen Altersunterschied zwischen den beiden, sondern auch so etwas wie einen Klassenunterschied. Dass das nicht ganz leicht war zwischen zwei so unterschiedlichen Menschen, kann man sich vorstellen. Als Kind kann man allerdings von dieser Unterschiedlichkeit auch (!) sehr profitieren. Es verhindert allzu viel Einseitigkeit.

Was macht man mit seinen Eltern? Man lernt von ihnen – und natürlich auch und vor allem, was man ganz bestimmt nicht so machen will wie die Eltern. Zum Beispiel die Sache mit dem Brotstudium. Ich hatte nicht die geringste Lust, so ein angepasster Bildungsbürger wie mein Vater zu werden. Und ich wollte nicht einen Klempner rufen müssen, bloß weil mal wieder ein Waschbecken-Siphon verstopft ist. Mit 13 ging ich das erste Mal in den Ferien auf den Bau. Dort lernte ich nicht nur, dass man mit den Händen nicht nur schreiben und Nasebohren kann, sondern auch, dass Bauarbeiter intelligente Leute und gute Kumpels sein können und alles andere als Menschen zweiter Klasse sind, wie mir das mein Vater in seinem Standesdünkel eingetrichtert hatte. Meine Mutter war mir da viel näher, obwohl auch sie einen verhängnisvollen Hang hatte, etwas Besseres sein zu wollen. Wenn sie mit Frau Doktor angeredet wurde, war sie immer ganz angetan davon. Andererseits hielt sie es dann aber wieder mit „diesen Lackaffen“ überhaupt nicht aus. Da gab es also eine Menge ungelöster Konflikte zwischen meinen Eltern, die sie mir mitsamt ihren Genen allesamt zur weiteren Bearbeitung vererbt haben. Aber das ist ja nun mal das Los aller Kinder.

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